Anomalisa (2015)

Freitagabend nach einer Woche, die es in sich hatte. Eigentlich wollte ich endlich „The Revenant“ sehen, doch aufgrund seiner Laufzeit hätte ich den Film wohl nicht zu Ende gesehen. Dann erinnerte ich mich an jackers Empfehlung zu „Anomalisa“ und die Wahl war schnell getroffen. Anfangs überlegte ich noch, ob Charlie Kaufmans jüngstes Werk nicht zu verkopft sei für solch einen Abend, an dem mir der Kopf ohnehin noch raucht, doch schon schnell sollte diese Sorge einer Faszination weichen…

anomalisa

Zunächst einmal muss ich an dieser Stelle erwähnen, dass auch „Anomalisa“ auf Amazon Prime leider im falschen Bildformat – nämlich in 16:9 statt 2,35:1 – läuft. Dies ist wirklich sehr ärgerlich, doch möchte ich mich im Folgenden auf den Inhalt konzentrieren. Nur seid gewarnt, falls euch das wichtig ist. Audiovisuell ist Kaufmans Film nämlich extrem beeindruckend. Durch die mit 3D-Druck verfeinerte Stop-Motion-Technik bietet sich dem Zuschauer ein Look, wie man ihn zuvor noch nicht gesehen hat. Artifiziell und dennoch realistisch. Der Stil des Films ist immer präsent, lenkt jedoch nie von der Handlung ab und unterstützt diese sogar. Ein Animationsfilm, der sich wahrlich von der Masse abhebt.

Rein inhaltlich könnte man „Anomalisa“ recht einfach auf die Romanze eines Mannes mit Fregoli-Syndrom reduzieren. Ich glaube jedoch, dass es auch außerhalb dieser Nische viele Berührungspunkte gibt, die den Film viel universeller in seiner Aussage machen. Es geht um Einsamkeit, die moderne Arbeitswelt, Individualismus und Midlife-Crisis. Und das sind nur die offensichtlichsten Themen. Es ist beeindruckend, wie viel Detailarbeit in dem animierten Drama steckt. Jede Szene ist wohl durchdacht und atmosphärisch so aufgeladen, wie ich es schon lange nicht mehr erlebt habe. Die zentrale Liebesszene ist wunderbar behutsam inszeniert und funktioniert einfach. Das hätte ich zuvor wirklich nicht vermutet. Man ist ganz nahe dran an den Figuren.

Auch wenn „Anomalisa“ inhaltlich vielleicht einfacher ist, als es zunächst den Anschein erweckt, so bietet er doch viel zu entdecken – wenn man sich denn darauf einlässt. Auch wenn mir heute eigentlich nach leichter Unterhaltung gewesen wäre, so hat mich Kaufmans Film doch unglaublich gepackt und mitgerissen. Wer sich einmal für 90 Minuten in eine fremde und vielleicht auch erschreckend bekannte Welt entführen lassen will, der sollte „Anomalisa“ auf jeden Fall eine Chance geben: 9/10 Punkte.

27 Gedanken zu “Anomalisa (2015)

  1. Ach, schon wieder ein beschnittener Film. Verdammt, ich hab ihn da auch gesehen und hab einfach draufgeklickt, anstatt mal deinen Artikel im Hinterkopf zu behalten😦 Egal, die BD shoppe ich mir eh für die Sammlung.

    Fein, dass dir der Film ähnlich gut gefallen hat. Wenn ich dein schönes Review so lese, fällt mir vor allem zunehmend auf, wie viel Raum Kaufman uns Zuschauern lässt, obwohl er trozdem sehr genau weiß, was er erzählen möchte. Vom Fregoli-Syndrom (das ja sogar der Name des Hotels ist, in dem unser Protagonist nächtigt) hatte ich erst im Nachhinein erfahren und die ganze Situation als Produkt von jahrelanger Entfremdung gelesen. Aber wie man es auch dreht und lest, bleibt die Aussage ja ähnlich. Stark.

    Wirklich ein toller Film!

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    • Ich habe leider auch erst während des Films gemerkt, dass die Bildkomposition manchmal ein wenig seltsam erscheint. Wirklich schade, gerade für solch einen visuell besonderen Film. Traurig, traurig. Hatte gehofft es sind seltene Einzelfälle, kommt aber leider doch zu häufig vor.

      Vom Fregoli-Syndrom habe ich auch erst danach gelesen, aber wie du habe ich auch ohne dieses Wissen viel aus dem Film ziehen können. Schön auch der Kontrast, der durch das Customer-Service-Thema aufgemacht wurde. Mir wird der Film noch lange nachgehen und für so manch besonderen Gedanken sorgen. Danke auch an dieser Stelle noch einmal für den Tipp!🙂

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  2. Pingback: The Revenant: Der Rückkehrer (2015) | Tonight is gonna be a large one.

  3. *rückt Anomalisa wieder ein Stück höher auf der plan-to-watch-List*
    Danke für den Hinweis mit amazon. Dann wird die DVD doch lieber geholt. Der Trailer hat mich damals schon sehr berührt, da wird das Gesamtpaket bestimmt dran anknüpfen können.

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    • Ja, wenn du auf Charlie Kaufmans Stil stehst, dann lohnt sich der Griff zur DVD bestimmt. Hätte ich das mit dem Bildformat vorher gewusst, hätte ich vermutlich auch lieber dort zugeschlagen. Vielleicht ist das die neue Masche von Amazon?o_O

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  4. Pingback: Media Monday #277 | Tonight is gonna be a large one.

  5. Wahrscheinlich bin ich der einzige Mensch der den Film für etwas pathetisch hält … . Aber es ist auch schwierig, wenn man schon vor Sichtung des Films nur positives hört. Zum beispiel habe ich in einem Podcast oder Radiobeitrag eine Lobeshymne gehört, die den Realitätsgrad der Animation lobt und v.A. die Sexszene. Wohingegen ich das gar nicht so gelungen finde. Natürlich habe ich wahnsinnigen Respekt vor der Arbeit die in dem Verfahren liegt, aber es funktioniert bei mir nicht im mindesten. Das puppenhafte mit der Naht im Gesicht hat bei mir eher für das Uncanny-Valley-Gefühl gesorgt.

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    • Ja, das mit der Erwartungshaltung ist so eine Sache. Ich hatte ja gedacht, dass er vom künstlerischen Standpunkt interessant sei, er mich aber emotional nicht so abholen könne. Tatsächlich aber war diese Sorge unbegründet.

      Was das Uncanny Valley angeht, so hatte ich bei den Hauptfiguren nie dieses Gefühl, bei den anderen (mehr schreibe ich jetzt wegen Spoilern nicht) dagegen schon etwas. Ich frage mich, ob das vielleicht auch ein wenig beabsichtigt war.

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