Verblendung – OT: The Girl with the Dragon Tattoo (2011)

Vor ein paar Tagen hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass ich bis zum Wochenende durchhalte. Eine Woche Magen-Darm-Hölle zwischen schlaflosen Nächten, Home Office und Hausbau. Nun ist es Freitag und ich habe es tatsächlich geschafft einen Film zu schauen. Mit David Finchers Neuinterpretation von „Verblendung“ sogar einen ziemlich langen – und ich bin nicht eingeschlafen, was an dieser Stelle wohl das größte Kompliment ist, das man einem Film machen kann. Wie sich die 2011er Fassung gegen das skandinavische Original aus dem Jahr 2009 schlägt, erfahrt ihr in der folgenden Besprechung…

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Schon während des Vorspanns wird es klar, dass man dabei ist einen Film von Davin Fincher zu sehen: alptraumhafte Bilder, Trent Reznors Cover von Led Zeppelins „Immigrant Song“ dröhnt aus den Boxen und eine düstere Stimmung macht sich breit. Die Antithese einer „James Bond“-Eröffnungssequenz, was umso passender ist, spielt doch Mr. 007 höchstpersönlich die männliche Hauptrolle. Wo wir schon einmal bei den Schauspielern sind: Daniel Craig hat mir in der Rolle von Mikael Blomkvist von Anfang an besser gefallen als Michael Nyqvist, da er den Charakter in den richtigen Momenten stärker erscheinen lässt. Rooney Mara als Lisbeth Salander fand ich in den ersten Szenen bedeutend schwächer als Noomi Rapace, was sich jedoch über die Laufzeit des Films deutlich relativiert hat. Sie wirkt zugänglicher und weicher und gibt der Figur eine etwas andere Ausrichtung. Bei den Nebendarstellern konnte mich besonders Stellan Skarsgård überzeugen, der eine wahrlich beängstigende Performance bietet.

Rein inhaltlich unterscheiden sich die Filme, so ich die skandinavische Produktion richtig in Erinnerung habe, nicht sonderlich voneinander. Obwohl Finchers Version länger ist, kam die mir deutlich kürzer und schneller vor. Es passiert viel und doch bleibt der Thriller in seiner Narration stets klar und verwirrt nicht. An die erzählerische Tiefe von Stieg Larssons Vorlage kommt jedoch auch Finchers Film nicht heran, was ich aber nicht als Mangel sehe, funktioniert er für sich genommen als düsterer Thriller doch tadellos. Die Inszenierung ist zudem über jeden Zweifel erhaben: Jede Einstellung wirkt wohlüberlegt und es gibt keine einzige Szene, die beliebig oder redundant wirkt. Der straffer erzählte Epilog erschien mir zudem als eine sinnvolle Änderung im Vergleich zum Original.

Letztendlich hat mir Finchers Herangehensweise an „The Girl with the Dragon Tattoo“ noch einmal besser gefallen, als die ohnehin schon sehr gute Fassung von Niels Arden Oplev. Hätte ich die Geschichte nicht bereits so gut gekannt, wäre bestimmt noch ein Punkt mehr drin gewesen. So bleibt letztendlich ein formal perfekt durchkomponierter Thriller, dessen Fortsetzungen ich nur zu gerne sehen würde – besonders da die skandinavischen TV-Filme qualitativ nicht mit dem ersten Akt mithalten konnten. Leider sieht es für eine Fortführung der Geschichte wohl leider nicht sonderlich gut aus, was den Status von „Verblendung“ als absolut gelungenes Remake jedoch nicht mindern kann: 8/10 Punkte.

29 Gedanken zu “Verblendung – OT: The Girl with the Dragon Tattoo (2011)

  1. Pingback: Review: Verblendung (Film) | Medienjournal

  2. Jau, da sind wir doch mal wieder auf einer Wellenlänge, trotz anderthalb Punkten Unterschied, kenne ich schließlich das skandinavische Original bis heute nicht und habe auch derzeit wenig Ambitionen, das nachzuholen, trotz zahlreicher Rufe, das Original sei natürlich viel besser als das Remake. Aber ganz ehrlich, kein Film, der NICHT von David Fincher ist, könnte mir besser gefallen als ein Film, der von David Fincher ist, da bin ich mir doch recht sicher und so habe ich die Geschichte natürlich deutlich neuer, überraschender erlebt als du es getan hast.

    Aber auch dir war allein das Intro eine gesonderte Erwähnung wert, du lobst, was ich gelobt habe und so freue ich mich, dass du diesen Film nun auch nachgeholt hast, nicht so sehr natürlich, wie dass du die „Magen-Darm-Hölle“ überstanden hast, aber doch schon ziemlich😉 Wirklich schade, dass es für die Fortsetzungen derzeit so mau aussieht, ich hätte da auch gerne mehr von gesehen, aber – und da wären wir wieder beim Thema – ich lechze ja sowieso jedem neuen Fincher entgegen, ganz egal, was er sich zu drehen entscheidet.

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    • Das Original ist keinesfalls viel schlechter, eben nur anders und es wirkt nicht so groß, durchgeplant und stilisiert, wie Finchers Interpretation. Gerade wenn die beiden Nachfolger nun nicht mehr in Hollywood entstehen, würde ich dir dennoch ans Herz legen einmal in die Originaltrilogie reinzuschauen – zumindest wenn dich die Geschichte an sich auch gepackt hat.

      Gibt es schon Gerüchte, was Fincher als nächstes geplant hat? In der IMDb steht noch „Verdammnis“ als eines der nächsten Werke. Ich habe bisher aber auch noch nicht „Gone Girl“ gesehen und freue mich schon extrem auf diesen Film!🙂

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  3. Bin kein Fan des Originals, was eher der durchschnittlichen Romanvorlage geschuldet ist. Das Remake ist für meinen Geschmack nochmal eine Ecke schlechter, die Darsteller auch durch die Bank weg fehlbesetzt. Ich finde nicht, dass Blomkvist stark sein muss, er ist ja kein Actionheld. Zudem seh‘ ich auch gar nicht, wo Craig wirklich mehr Stärke zeigt als Nyqvist. Im Remake empfand ich die Romanze zwischen den Figuren schon beinahe pädophil. Kann dem Remake nichts abgewinnen, allenfalls den Soundtrack und Christopher Plummer, fand besonders schade, dass die Verbrechen an den Frauen (die dem Roman ja seinen Titel geben), im Remake relativ kurz kommen. Wie generell alles, aber so ist Hollywood halt.

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    • Ich meinte nicht, dass Blomkvist im Sinne eines Actionhelden stark wirkt, sondern eher, dass ich Craig den verbissenen Enthüllungsjournalisten eher abnehme als Nyqvist. Pädophil kann ich an der Beziehung zwischen Blomkvist und Salander nichts finden. Als Romanze würde ich sie ohnehin nicht bezeichnen. Der im Original titelgebende Hass der Männer auf die Frauen kommt meiner Meinung nach durchaus rüber, allerdings weiß ich auch nicht mehr genau wie dies im Original war. Hast du die Kinofassung gesehen oder die erweiterte? Speziell Blomkvists Tochter als zerbrechlicher Kontrast zu dieser düsteren Welt fand ich toll. Aber zündet Hollywood bei mir einfach mehr, als die nüchterne Inszenierung eines europäischen Thrillers – wobei ich das Original nahezu gleichwertig finde.

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    • Ich würde tatsächlich erst das Buch lesen, aber ich sehe auch stets die Bebilderung einer Geschichte lieber nachdem ich mir eine eigene Welt vorgestellt habe. Bei den Filmen ist es wohl egal, Fincher ist eben stilistisch hochwertiger und thrillerhafter erzählt, das Original ist ruhiger und es gibt eben den Vorteil der Fortsetzungen. Gut sind zweifellos beide Filme.

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  4. Was den Cast betrifft hab ich schon immer gesagt, dass ein Besetzung mit Daniel Craig und Noomi Rapace wohl ideal wäre. Ich finde die beiden Filme eigentlich schwer zu vergleichen. Obwohl sie ja die selbe Geschichte erzählen und beide ziemlich düster sind. Finchers Version ist eben für das typische „Hollywood“ Publikum gemacht, was nicht schlecht ist (weil Finchers Filme grundsätzlich nicht immer gut sind). Die skandinavischer Version hat eben einen etwas seichteren, mehr europäischen Unterton. Hat mir aber auch sehr gut gefallen.

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    • Craig und Rapace hätten bestimmt ein spannendes Team abgegeben, das stimmt. Dennoch möchte ich Rooney Mara durchaus zusprechen, dass sie eine tolle Interpretation dieser ikonographischen Figur abgeliefert hat. Das hätte auch leicht schief gehen können. Ich mag Finchers Filme sehr, weshalb mir sein Stil auch hier wieder wirklich gut gefallen hat. Beide Fassungen haben so ihre Vor- und Nachteile, doch insgesamt konnte mich Finchers Fassung einen Tick mehr überzeugen.

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  5. Ich habe letztes Jahr mal den ersten Teil als Hörbuch gehört, das fand ich zwar sehr gut, aber leider nicht so überragend, als dass ich mir die Verfilmungen anschauen würde – aber deine Rezension zum Remake klingt eigentlich ganz gut.😉

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    • Ich hatte die Bücher zuvor gelesen und fand sie schon so gut, dass mich die Verfilmung auf jeden Fall auch gereizt hat. Ob du mit Remake oder Original einsteigst, ist eigentlich egal – nur dass es zum Remake eben (noch?) keine Fortsetzung gibt.

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  6. Sehr guter Film, in der Tat, und den muss ich auch dringend mal wieder gucken. Bei mir fand ja die Lesung und die Sichtung beider Filme innerhalb kürzester Zeit direkt nacheinander statt und dennoch musste Finchers Film seine 9 Punkte bekommen, obwohl er mir da schon eine zweimal gehörte Geschichte (innerhalb eines Monats) einfach nur ein drittes Mal erzählte. Das aber sehr mitreißend.

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    • Da hast du dir ja die geballte Ladung geholt. Ich war nach den Büchern und der skandinavischen Verfilmung zunächst gesättigt, was das Thema angeht. Deshalb habe ich die Sichtung von Finchers Remake wohl auch so lange aufgeschoben. Wie hattest du denn die Originalfassung bewertet?

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