The Wire – Season 2

Nachdem ich mich jahrelang vor einer Sichtung gedrückt hatte, kann ich inzwischen nicht genug von dieser Serie bekommen. Es ist wirklich faszinierend, wie stark „The Wire – Season 2“ das Serienuniversum erweitert und den Zuschauer somit noch tiefer in dieses fiktive und doch nur allzu realistisch wirkende Abbild Baltimores hineinzieht. Die Serie entwickelt einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann…

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Während der ersten Episode hat mich ein wenig das Gefühl beschlichen, dass mich der Hochmut, mit dem ich mich zur Komplexität der ersten Staffel geäußert habe, in den Hintern beißen sollte. Neues Setting, neue Charaktere und eine anders wirkende Atmosphäre. Ich war zunächst mindestens so verloren, wie unsere Hauptfiguren, die sich allesamt neu orientieren mussten. Hinzu kommt der komplett neue Mikrokosmos des Containerhafens von Baltimore, welcher fremd und seltsam wirkt. Ab der zweiten Episode hatte mich die Serie jedoch wieder komplett im Griff, was unter anderem auch gerade an den neuen Handlungssträngen lag. Wer hätte das gedacht?

David Simon ist das Kunststück gelungen, die ohnehin schon nicht kleine Welt der ersten Staffel völlig organisch zu erweitern. Auch wenn das Setting am Hafen anfangs wie ein Fremdkörper wirkt, so kann ich mir inzwischen nicht mehr vorstellen, die Serie ohne diesen Schauplatz zu sehen. Vermutlich wird mir das nun bei jeder weiteren Staffel so gehen, was absolut als Kompliment an die Autoren zu verstehen ist. Bei „The Wire“ gibt es keinen Stillstand, sondern nur beständige Weiterentwicklung, ohne dabei jedoch auf völlig abstruse Cliffhanger zu setzen, wie man es von anderen Serien kennt. Großes Erzählkino, wie man es besser noch kaum gesehen hat.

Ein kleines, nicht unbedeutendes Element möchte ich an dieser Stelle noch hervorheben: Normalerweise sieht man in Filmen oder TV-Serien immer völlig abstruse Benutzeroberflächen und die eingesetzte Software besitzt Fähigkeiten, die sie eher in den Bereich Sci-Fi katapultiert, als in einem Krimi bzw. Thriller verorten lassen würde. In „The Wire“ befindet man sich dagegen in der Windows-Welt und die eingesetzte Abhörsoftware sieht so unspektakulär aus, dass man sie einfach, zumindest als jemand außerhalb des Polizei-Umfelds, für bare Münze nehmen kann. Auch diese kleinen Details machen David Simons Serie zu etwas Besonderem.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass auch die zweite Staffel von „The Wire“ ihrem Ruf absolut gerecht wird. Ich fand sie fast noch erschütternder, als die erste, da sie den Schwerpunkt eher auf die Opfer der Umstände legt, als die Drahtzieher professionell organisierter Kriminalität. Speziell Chris Bauer spielt als Frank Sobotka teils herzzerreißend, bis hin zum tragischen Finale. Absolut ergreifend, wie auch viele andere Schicksale. Somit kann die zweite Staffel trotz des schwierigeren Einstiegs nahtlos an die Qualität der ersten Staffel anschließen – und ist in letzter Konsequenz beinahe noch deprimierender: 9/10 (9.3) Punkte.

25 Gedanken zu “The Wire – Season 2

    • Habe die erste Episode gerade hinter mir. Sehr schön! Ich glaube da kommt noch einiges auf die Charaktere und mich als Zuschauer zu…🙂

      Den Intro-Song fand ich zu Beginn nicht so gut, doch hat er mir am Ende wirklich gefallen, da er auch schön das Hafen-Feeling mit eingefangen hat. Sehr passend für die Staffel.

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  1. Also wenn Du jetzt schon mit Beschreibungen wie „herzerreißend“ und „absolut ergreifend“ arbeitest, sollest Du dir für die kommenden Staffeln die Steigerungen davon aus dem Duden holen.🙂

    Ich fand die 2. Staffel von allen am zweitschlechtesten…. „schlecht“ ist dabei natürlich relativ gesehen und damit immer noch große Unterhaltung. Das lag vielleicht einfach am Setting, welches mich nicht so sehr interessiert hat. Die neue und fokussierten Charaktere sind dafür phantastisch. Proposition Joe FTW!😀

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    • Aber es ist doch jetzt schon so gewesen! Die Sobotkas hat es ziemlich hart getroffen. Auch Ziggys Charakter hat mir irgendwie leid getan, auch wenn es ein Idiot war. Und Frank. Da fehlen mir echt die Worte…

      Welche Staffel hat dir denn am wenigsten gefallen? Ich fand das Setting auch ungewohnt und nicht so reizvoll, doch die Charaktere haben sich einfach in mein Herz gespielt bzw. waren verdammt gut geschrieben. Ich bin so gespannt, wie sich die Serie noch entwickelt!

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      • Die am wenigsten gute Staffel (😉 ) war für mich tatsächlich die letzte. Das hatte vor allem mit der Entwicklung von McNulty zu tun. Aber auch die war große Unterhaltung und das Ranking der Staffeln untereinander könnte bei einer Zweitsichtung schon schwanken. Die vielen anderen Charaktere haben auch in der letzten Staffel genug Stoff zum Mitfiebern und -leiden geliefert, da McNulty aber eine zentralere Figur unter den vielen Figuren ist, habe ich meinen „Unmut“ ein wenig an seinem Handlungsstrang aufgehängt.

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      • Ahja, dann bin ich schon einmal auf die finale Staffel gespannt. McNulty fand ich in dieser zweiten Staffel weit weniger prominent, als noch in der ersten. Dennoch sicherlich die Hauptfigur, wenn man nur eine nennen müsste. Insgesamt ist „The Wire“ aber eher eine Ensemble-Serie und als solche funktioniert sie auch famos. Ich wüsste eigentlich keine einzige Figur, deren Weiterentwicklung mich nicht interessieren oder begeistern würde.

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  2. Ja, die zweite Staffel fällt aufgrund des Settings gewissermaßen aus dem Rahmen, aber von „The Wire“ würde ich nichts als „schlecht“ bezeichnen. Ich hatte eher Startprobleme in der Ersten Staffel, aber ab gegen Ende derselben hatte mich die Serie ganz einfach gefesselt und bis zum Ende nicht mehr losgelassen. Das hat sonst nur noch bei „Breaking Bad“ und „Game of Thrones“ geklappt.

    Hat von euch eigentlich jemand den Vorgänger „Homicide“ gesichtet? Bei mir war dann nach der Ersten Staffel Schluss.

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    • Ich dachte bisher eigentlich immer, dass jede Staffel von „The Wire“ mit einem ganz eigenen Setting aufwartet. Wieso fällt das der zweiten Staffel aus dem Rahmen? Mir ist es über den Verlauf der Staffel richtig ans Herz gewachsen. Ich verstehe aber was du meinst, speziell was den Sog angeht, den die Serie definitiv erzeugt.

      Eine Meinung zu „Homicide“ würde mich auch interessieren! Wieso hast du nur eine Staffel durchgehalten? Qualitativ doch nicht mit „The Wire“ vergleichbar?

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      • Nein, also es ist nicht so, dass jede Staffel ein komplett neues Setting im Sinne eines bestimmtes Stadteils o.ä. hat.

        Jede Staffel durchdringt ein Subsystem: Das können die Docks als Umschlagsplatz für illegale Transaktionen sein. In einer anderen Staffel wird zum Beispiel das juristische System behandelt. Die Systeme sind das Entscheidende.

        Ich hatte „Homicide“ bald nach „The Wire“ geschaut und dann wohl etwas müde geworden, was Polizeiarbeit angeht. Ist nicht wirklich schlecht gewesen, aber auch nicht meisterlich, so dass man unbedingt weiterschauen muss/will. Da „Homicide“ älter als „The Wire“ ist, wäre es ohnehin unfair die beiden miteinander zu vergleichen: in „The Homicide“ weht noch der Wind der 90er Jahre.

        Aber als großer Fan von „The Wire“ würde mich schon interessieren, ob „The Homicide“ sich nicht doch noch lohnt…

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      • Ok, danke für die Aufklärung! Dann macht es auch Sinn, warum die zweite Staffel rausfällt, denn der Containerhafen ist schon allein visuell ein großer Kontrast zum eher urbanen Setting der ersten und auch dritten Staffel.

        Die Entstehungszeit der 90er Jahre hat mich bisher auch noch davon abgehalten mich konkret nach einem Angebot zu „Homicide“ umzusehen. Vielleicht sollte ich lieber Simons Buch dazu lesen. Nach „The Wire“ werde ich sowieso ein grundsätzlich anderes Seriensetting wählen – schon alleine um meine Frau nicht abzuschrecken…😉

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      • Ja, ich musste in jüngster Vergangenheit leider auch Prioritäten setzen und da sind Romane und Serien „unter den Hammer“ gekommen – zugunsten von Filmen und Comics.

        So sehr ich TV-Serien mag, sie verlangen viel Stunden (wenig vorhandene) Freizeit ab. Filme haben den Vorteil, dass sie zwar abendfüllend sind, aber danach eben abgeschlossen. Deshalb schau ich Serien nur im Winter (wenn die Tage kurz und die Nächte lang sind) und les Romane nur im Urlaub (wenn man stundelang am Strand oder abends in der Ferienwohnung liegt) oder vor dem Einschlafen.

        Comics sind an Flexibilität nicht zu übertreffen: Man kann jederzeit (überall einen zur Hand nehmen (einzige Voraussetzung ist Leselicht) und dann 15 Minuten oder 2 Stunden lesen.

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      • Kann ich verstehen. Bei mir sind tatsächlich Videospiele und Comics rausgefallen, da ich dies nicht mehr schaffen würde. Leider. Romane sind auch weniger geworden und beschränken sich auf ein paar Seiten vor dem Einschlafen. So ganz ohne Lesen geht einfach nicht.

        Filme und Serien schaue ich im Wechsel. Unter der Woche meist nur Serien, da ich einfach nicht die Zeit für einen kompletten Film habe, und am Wochenende dann Filme. Das funktioniert für mich ziemlich gut.

        Mit Comics hast du schon Recht, doch komme ich in diese viel weniger schnell rein, als in Romane. Dennoch lese ich alle Jubeljahre mal wieder einen, wie ich auch ab und zu ganz noch ein Videospiel (eher ganz casual) in die Hand nehme.

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  3. Die zweite Staffel fällt sicherlich aus dem Rahmen, keinesfalls qualitativ, aber vom Schauplatz und den Figuren. Als erstes ist man doch ganz schon überrascht, weil man nach der ersten Staffel denkt, es geht im selben Milieu mit den selben Figuren weiter und auf einmal hat gefühlt am Anfang ganz andere Charaktere, Probleme und Setting. Als würde eine neue Serie beginnen. Doch man schafft es relativ schnell sich auch mit diesem Umfeld anzufreunden und immer mehr einzutauchen. Die restlichen Staffeln sind dann eher der ersten Staffel ähnlich vom Setting, nur der Blickwinkel ändert sich. Hamsterdam ist natürlich das beste Setting, aber dazu kommen wir noch🙂

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    • Den Eindruck, den du hier vermittelst, hatte ich auch. Anscheinend fällt die zweite Staffel tatsächlich ein wenig raus, was ich einerseits schade finde, da stets ein neues Setting durchaus auch seinen Reiz gehabt hätte. Hamsterdam klingt auf jeden Fall vielversprechend und ich bin schon sehr gespannt, wie sich die Serie noch entwickelt. Glücklicherweise habe ich ja noch einiges vor mir…🙂

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    • Dem kann ich nicht einmal widersprechen, denn auch ich fand die zweite Staffel (bin gerade kurz vor Ende der dritten) bisher am schwächsten. Allerdings ist „The Wire“ insgesamt auf so hohem Niveau, dass selbst die schwächste Staffel noch stärker ist, als die meisten anderen Serien.

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