Stereo (2014)

Seit einer halben Ewigkeit habe ich einmal wieder einen deutschen Film gesehen. Eine komplett deutsche Produktion, d.h. nicht nur einen internationalen Film mit deutscher Beteiligung – und noch viel wichtiger: Es war ein Genrefilm! Deutsches Kino reizt mich immer speziell dann, wenn es sich abseits von Drama, Komödie oder Krimi bewegt. Maximilian Erlenweins „Stereo“ konnte somit schon einmal Punkte sammeln. Wie sich der Film sonst so schlägt, erfahrt ihr in der folgenden Besprechung… Leichte Spoiler sind zu erwarten.

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Was zeichnet einen guten Schauspieler aus? Vermutlich wenn er in einer TV-Show à la „Schillerstraße“ Abend für Abend auf Hampelmann macht und in ernsten Rollen dennoch sofort eine Präsenz aufbaut, der man sich nur schwer entziehen kann. Jürgen Vogel ist solch ein Schauspieler – und er kann auch in „Stereo“ absolut überzeugen. An seiner Seite spielt Moritz Bleibtreu, der in letzter Zeit häufig in winzigen Nebenrollen in internationalen Produktionen (z.B. „World War Z“) verheizt wurde, und ergänzt Vogels Charakter perfekt. Ich möchte an dieser Stelle auch nicht mehr über die Beziehung der Figuren untereinander verraten, da jedes weitere Wort wohl das Vergnügen am Film schmälern würde.

Ich mochte den ruhigen Aufbau und die bedeutungsschwangere Atmosphäre. Wirklich sehr gelungen. Die Handlung des Films dagegen hätte von mir aus noch gerne ein paar mehr Kapriolen mehr drehen dürfen, denn gerade in den Gesprächen zwischen Erik (Jürgen Vogel) und Henry (Moritz Bleibtreu) bzw. dem Aufbrechen dieser Beziehung hätte es noch großes Potential gegeben. Letztendlich offenbart sich die eigentliche Geschichte viel zu schnell als deutsche Variante von „A History of Violence“. Durch die rasante Inszenierung und die launig gespielten Charaktere macht der Film aber bis zur letzten Minute enorm viel Spaß, zumal er auch mit einer für deutsche Filme ungewöhnlichen Härte voranprescht.

Nach Anno Sauls „Die Tür“ und Tim Fehlbaums „Hell“ hat Maximilian Erlenwein mit „Stereo“ einen weiteren deutschen Genrefilm geschaffen, der sich vor der internationalen Konkurrenz nicht verstecken braucht. Auch wenn ich die etwas zu geradlinige Handlung bemängle, so ist sie vielleicht auch die Stärke des Films – es muss ja schließlich nicht immer um die Rettung (oder Vernichtung) der Welt gehen. Ein fieser, kleiner Genrereißer, der sich hinter Cronenbergs Variante einer ähnlichen Geschichte, wenn man diesen Vergleich überhaupt ziehen will, nicht zu verstecken braucht: 7/10 Punkte.

48 Gedanken zu “Stereo (2014)

  1. Der steht auch noch auf meiner Liste. Vor allem weil ich Vogel und Bleibtreu absolut großartig finde. Außerdem ist es, wie du schon sagst, immer interessant, wenn mal ein deutscher Film nicht die Standardgenres bedient, sondern sich traut, was anderes zu machen. Auch interessiert bin ich noch an Who Am I. momentan ist der deutsche Film tatsächlich mal wieder etwas interessanter geworden.

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    • Mach das mal. Ich fand ihn sehr mitreißend, wenngleich er mich emotional auch nicht 100%ig mitreißen konnte. Für den kleinen Thriller-Hunger zwischendurch auf jeden Fall mindestens ebenso gut geeignet, wie entsprechende US-Ware.

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  2. Probier mal Robin Hood von Martin Schreier oder Die Farbe von Huang Vu aus. Beides deutsche Genre-Perlen, die i h auf der filmschau in stuttgart für mich entdeckt hab und die sich mMn auch mit vegleichbaren Hollywoodproduktionen messen können.

    Stereo klingt ziemlich spannend und Vogel ist wirklich einer der wenigen dt schauspieler,.die herausstechen

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    • Danke für die Tipps! Klingt beides recht spannend, wenn auch noch sehr nach Studentenumfeld. Muss ja nicht schlecht sein, doch finde ich „Stereo“ gerade so spannend, weil man sich eben nicht hat beschränken lassen und den Film selbstbewusst groß aufgezogen hat.

      Jürgen Vogel ist garantiert einer der wandlungsfähigsten deutschen Schauspieler, ja. Ich sehe ihn auch immer sehr gerne. Sei es in ernsteren Rollen oder Komödien.

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  3. Hmmm. Ich fand ihn ganz furchtbar langweilig – und das, obwohl ich solche schrägen Filme eigentlich mag. Meine Schwester findet ihn auch toll und unser Geschmack ist eigentlich sehr ähnlich, weshalb ich überrascht war, das er mir nicht gefiel.

    Während es am Anfang noch irgendwie spannend und mysteriös ist, wiederholen sich die Motive und es passiert irgendwie nichts? Hatte große Mühe, den Film zu Ende zu schauen.

    Mit Ach und Krach würde ich 4/10 geben. Schade eigentlich, weil es im Grunde mehr deutsche Genrefilme geben sollte. (genrenale)

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    • Schade, dass der Film bei dir nicht angekommen ist. Ich fand die zweite Hälfte auch schwächer, doch dass nichts passiert sei, könnte ich nicht behaupten. Ein wenig mehr Interaktion zwischen Erik und Henry wäre klasse gewesen, auch mochte ich die Szenen bei der alternativen Heilerin, doch letztendlich hat sich das schon alles gut zusammengefügt. Für mich zweifellos einer der besten deutschen Genrefilme.

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  4. Ich mochte den Film auch sehr. Mich stört es auch gar nicht, dass das Rad nicht neu erfunden wird, denn nach Jahrtausenden, in denen Menschen Geschichten erzählen, ist einfach jede Geschichte schon mal erzählt worden. Im Mittelalter war das zum Beispiel auch völlig normal und wurde „Wiedererzählen“ genannt. Es geht also gar nicht mehr darum was erzählt wird, sondern wie. Und das ist in dem Film gelungen. Wobei ich deinen Wunsch nach etwas mehr Kapriolen nachvollziehen kann.

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    • Mich stört es auch nicht zwingend, dass „Stereo“ sich u.a. an „A History of Violence“ bedient, zumal ich finde, dass er einige Elemente deutlich besser löst. Die stilistische Anlehnung an „Drive“ hätte es meiner Meinung nach nicht gebraucht und die Auflösung der Gangstergeschichte am Ende hätte auch ein wenig eleganter erzählt werden dürfen. Aber das das sind alles Details und die Kritik wird dem Film nicht gerecht, wenn man anfängt ihn so zu zerlegen. Nach Sympathie gewertet hätte der Film ohnehin 1-2 mehr Punkte mehr verdient gehabt…😉

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  5. Ach ja – Jürgen Vogel und Moritz Bleibtreu mag ich ja!😀 Das war ein tolles Gespann in dem Film.🙂 Wobei ansonsten meine Kritikpunkte deinen wohl recht ähnlich sind. Der Film hätte sich ruhig trauen können mehr Dinge anders zu machen und ein paar Klischees zu vermeiden.
    Obwohl sie bei einer Sache wirklich ein Klischee vermieden haben … der Mann, der plötzlich eine Person sieht, die gar nicht da ist, geht sogar mal zum Arzt😄 Was will man da noch sagen?

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    • Ich habe mir gerade noch einmal deine Kritik durchgelesen. Darin fasst du schön meine Kritikpunkte zusammen. Allerdings habe ich den Rest doch als deutlich positiver wahrgenommen. Für mich ein toller, kleiner Genrereißer – und das aus Deutschland. Toll!

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