Boyhood (2014)

Es gibt wohl kaum einen Film, auf den ich in letzter Zeit so heiß war – und das nicht erst seit dem Gewinn des Golden Globes. Schon als ich zum ersten Mal von Richard Linklaters „Boyhood“ las, war ich fasziniert. Nicht nur liebe ich Coming-of-Age-Geschichten, ich weiß seit dem grandiosen „Dazed and Confused“ auch, dass Linklater ein Händchen dafür hat. Zudem hat mich natürlich die ungewöhnliche Produktionsphase fasziniert. Konnte der Film meinen Erwartungen letztendlich gerecht werden?

boyhood

Die Sichtung ist gerade ein paar Minuten vorbei und Arcade Fires „Deep Blue“ hat mich sanft aus dem Film entlassen. Nun sitze ich da und frage mich: ‚War es das?‘ Nicht, weil ich mir etwas anderes erwartet hatte, sondern weil ich gerne mehr gesehen hätte. Noch mehr. Selbst nach langen 165 Minuten habe ich das Gefühl gerne mehr von den unterschiedlichen Stationen dieses Lebens sehe zu wollen. Mason weiter dabei zu begleiten aufzuwachsen, denn erwachsen ist er noch lange nicht. Richard Linklater hat uns über 12 Jahre am Leben dieses Jungen, dieser Familie teilhaben lassen – und der Abschied schmerzt. Ein schöneres Kompliment kann es wohl nicht geben, selbst wenn die Kunst des Auslassens wohl bewusst von Linklater inszeniert wurde…

Anders als zunächst von mir vermutet, zeigt der Regisseur eben nicht alle typischen Stationen des Erwachsenwerdens: kein erstes Mal Alkohol, kein erster Kuss, kein erster Todesfall. Durch diese bewussten Auslassungen lässt uns Linklater diese Lücken selbst auffüllen und verknüpft „Boyhood“ mit unseren eigenen Erinnerungen. Ähnlich funktioniert auch der Soundtrack des Films, der bekannte Songs der jeweiligen Zeit oft nur ein paar Sekunden lang anspielt – und uns Zuschauer den kompletten Song selbst ergänzen lässt. Das Kaleidoskop der tatsächlich gezeigten Szenen reicht von trivial bis bedeutsam und zieht uns Stück für Stück in Masons Leben hinein.

Ich habe schon viel über „Boyhood“ gelesen. Meist waren es überaus positive Besprechen, einige Zuschauer bemängelten jedoch auch, dass der Film keine stringente Handlung habe und nichts passieren würde. Es gibt tatsächlich wenig Action im Sinne von körperlich ausgeführten Handlungen, dafür viele Gespräche und Stimmungen. Hier erinnert das Drama stark an ein anderes filmisches Experiment Linklaters, die „Before…“-Trilogie, in der der Regisseur eine Liebesgeschichte in drei Teilen über 18 Jahre erzählt. Wenn man diese mag, wird man wohl auch seine Freude an „Boyhood“ haben. Ich würde behaupten diese Art von Film Film ist eben einfach Typsache.

Auch wenn es letztendlich nur eine Formalie ist, so muss ich Linklater und seinem Team doch Respekt für die Ausdauer zollen. Speziell in der heutigen Zeit, in der es jeder gewohnt ist, sofort Feedback zu erhalten, muss es ein wahrer Kraftakt gewesen sein, 12 Jahre zu drehen – und das über weite Strecken ohne jegliche Rückmeldung aus der Öffentlichkeit. Auch wenn einige diese 12 Jahre Drehzeit als Gimmick sehen, so bin ich überzeugt davon, dass „Boyhood“ nur dadurch die in jeder Szene spürbare Kraft entfalten konnte. Schade, dass es auf der aktuellen Blu-ray keinerlei Hintergrundinformationen gibt, würde mich doch brennend interessieren, aus wieviel Material Linklater letztendlich die finale Schnittfassung destilliert hat.

Die Besprechung ist nun länger geworden, als ich um diese Uhrzeit eigentlich geplant hatte. Noch etwas, das für den Film spricht. Auch wenn er dramaturgisch vielleicht genauso wenig perfekt ist, wie das Leben, das er abzubilden versucht, so lässt er uns Zuschauer doch an einem großen Entstehungsprozess teilhaben, den er emotional perfekt einfängt: dem Erwachsenwerden. Mein einziger wirklicher Kritikpunkt ist, dass ich gerne mehr mit Mason verbracht hätte. Ich möchte den Film nach dieser ersten Sichtung noch nicht zum Lieblingsfilm erklären, doch viel fehlt wahrlich nicht: 10/10 Punkte.

36 Gedanken zu “Boyhood (2014)

  1. Ich gehöre wohl zu denen, die dem Film nicht so viel abgewinnen konnten – aber wenn er mal läuft versuche ich ihn mal mit deiner Sichtweise zu gucken.
    Übrigens : Tippfehler in der Überschrift!

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    • „Boyhood“ ist wohl ein Film, bei dem es stark darauf ankommt, inwieweit man sich emotional öffnet bzw. ob die entsprechenden Knöpfe vorhanden sind, dass der Film sie drücken kann. Oder so ähnlich. Bin gespannt, ob er dir bei der Zweitsichtung mehr gibt…

      Übrigens: Danke für den Hinweis! War schon spät…😉

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  2. Wow, was für eine großartige Rezension! Ich finde es ziemlich spannend und außergewöhnlich, dass tatsächlich über 12 Jahre gefilmt wurde – gab es so etwas überhaupt schon einmal? Den Film möchte ich jedenfalls unbedingt schauen, „Boyhood“ klingt wirklich nach einem wahrhaftigen und einzigartigem Kunstwerk.

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    • Ich finde das auch bemerkenswert und umso schöner, dass der Film diesen langen Zeitraum auch ausschöpft bzw. sich dieser rein formale Aspekt nie in den Vordergrund spielt. Berichte doch mal nach deiner Sichtung, wie dir „Boyhood“ gefallen hat – würde mich interessieren!🙂

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  3. Kleiner Tippfehler, wohl der späten Stunde geschuldet: In der Überschrift fehlt das „h“ zwischen „Boy“ und „ood“![/lehrerinnenmodus off] 😉

    Ich empfand es übrigens ganz ähnlich, dass ich trotz der langen Laufzeit des Filmes gerne weitergeschaut hätte, gerne gewusst hätte, wie sich Mason weiterentwickelt! Mir hat es auch gefallen, dass nicht die typischen Stationen und kaum Extremsituationen gezeigt werden, sondern die Normalität des Lebens. (Oh je, um 1:30 kann ich das grad nicht richtig beschreiben, was ich meine…)

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    • Danke Frau Lehrerin! Ist ja typisch, dass sich der Typo ausgerechnet in der Überschrift einschleichen musste…😉

      Ich glaube ich verstehe ganz genau, was du sagen willst – und falls ich es richtig verstehe, dann habe ich es ganz genauso empfunden. Übrigens musste ich mich bei der Besprechung auch extrem zusammenreißen, um noch sinnvolle Sätze bilden zu können: es war spät, wir hatten Wein zum Film und die Müdigkeit hat dann zumindest in der Überschrift ihren Tribut gezollt. Auf jeden Fall bemerkens- und lobenswert, dass du um 1:30 Uhr noch Blogs kommentierst!😀

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  4. Sieh einer an, hast du es endlich geschafft. Und wow, volle Punktzahl. Das gibt’s selten bei dir.🙂 Ich hatte so gehofft dass er dir auch so gut gefällt wie mir, aber ich hatte auch nicht wirklich daran gezweifelt. Mir ging es nach dem Film exakt gleich wie dir. Ich wollte einfach weiterschauen, wissen wie es mir Mason weitergeht. Aber ich habe mich dann damit getröstet (ich weiß nicht ob du dich noch an meine Besprechung erinnern kannst), dass ich Boyhood als das Prequel der “Before”-Reihe gesehen habe.🙂

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    • Ja, die 10 Punkte vergebe ich nicht leichtfertig, doch „Boyhood“ hat es sich verdient. Das Prädikat Lieblingsfilm wollte ich dann aber doch noch nicht zücken. Nun habe ich zumindest einen guten Grund mir den Film noch einmal anzusehen, zumal ich ohnehin glaube, dass er sich exzellent für mehrmaliges Anschauen eignet. An deine Besprechung erinnere ich mich, jetzt da du es erwähnst, tatsächlich! Und ich liebe die Idee „Boyhood“ als Prequel zur „Before…“-Trilogie zu betrachten. Toll! Und für mich wohl der Anstoß baldmöglichst endlich „Before Midnight“ nachzuholen…🙂

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  5. Du hast mein persönliches Problem mit dem Film gut beschrieben: „kein erstes Mal Alkohol, kein erster Kuss, kein erster Todesfall“. Ich halte Boyhood für ein ambitioniertes Projekt, aber man darf auch nicht nur die Machart betonen, sondern muss auch mal auf die Narration achten. Weil eben nichts Weltbewegendes passiert, wird der Film gegen Ende doch etwas lang. Hier meine ausführliche Kritik: https://filmkompass.wordpress.com/2014/06/21/boyhood-2014/

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    • Auch wenn ich die genannten Punkte gerne im Film gesehen hätte, so macht ihn gerade das Auslassen der typischen Coming-of-Age-Elemente eben auch zu etwas Besonderem. So empfinde ich das zumindest. Ich würde „Boyhood“ vermutlich als Chunk-of-Life im Gegensatz zu Slice-of-Life bezeichnen, und dabei geht es ja gerade um die scheinbaren Nebensächlichkeiten. Für mich hat auch die Narration ausgezeichnet funktioniert, gerade weil sie eben so fließend ist und sich nicht von Plot-Point zu Plot-Point hangelt, wie so viele Filme.

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  6. Pingback: Run, Fatboy, Run (320) | Tonight is gonna be a large one.

  7. Hach, man wird irgendwie nicht nur in Masons Welt, sondern auch in die seiner Familie mit reingesogen. Ich hätte insbesondere von seiner Schwester gern noch so viel mehr erfahren wollen. Das schien auch ein äußerst interessanter Charakter, der viele Möglichkeiten eröffnet, zu sein. Ja, „Boyhood“ ist wirklich Kino, wie es sein sollte…🙂

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    • Ja, stimmt genau. Seine Familie wird über die Laufzeit fast schon zur eigenen Familie. Zu Beginn dachte ich ja noch, dass mich die Konstellation ein wenig nerven würde, weil zu dramatisch (getrennte Eltern, Alkoholiker als Stiefvater, usw.), doch letztendlich hat das schon wirklich gut funktioniert. Bei der Schwester habe ich mich die ganze Zeit gefragt, an wen sie mich denn erinnert – bis ich die Verbindung zu ihrem Vater, sprich Richard Linklater, verstanden hatte…😉

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  8. Ich hätte jetzt vielleicht noch eher mit einer Perspektive auf den Film gerechnet, die die Eltern mehr in den Fokus rückt. Aber dafür sind deine Kinder wohl auch noch nicht alt genug, um mit den vielen Stationen aus 12 Jahren Kindheit und Jugend genug eigene Erfahrung miteinspielen zu lassen😉

    Ich fürchte mich ja ein wenig vor einer Zweitsichtung des Films, WEIL ich den Film als ein emotionales Erlebnis abgespeichert habe. Ich bezweifle, dass sich so eine Situation wiederholen lässt. Und die Erinnerung an diese großartige Zeit ist doch viel wert. Aber die Blu-ray kommt mir trotzdem noch ins Regal!

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    • Hmm, da die Eltern so unterschiedlich zu meiner gelebten Wirklichkeit sind, fällt es mir bedeutend leichter die Perspektive der Kinder, sprich Masons Perspektive, einzunehmen. Du hast aber Recht und in ein paar Jahren, wenn auch unsere Kinder durch die Pubertät gehen, sieht es vielleicht anders aus. Ein schöne Grund für eine weitere Sichtung in 8-12 Jahren…😉

      Ich glaube schon, dass der Film beim zweiten Mal ebenso intensiv wirken kann. Ebene gerade weil er nicht handlungsgetrieben ist, sondern von Stimmungen, Charakteren und Einzelszenen lebt. Dir drücke ich auf jeden Fall die Daumen, dass er bei dir immer noch wirkt!🙂

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    • „Manhood“ – welch schöner Gedanke! Erinnert mich an die Sprünge in der Liebesbeziehung der „Before…“-Trilogie. Ja, bis 30 ist es auch noch sehr spannend und die Findungsphase noch lange nicht abgeschlossen, dann Kinder und und und… man könnte auch daraus eine ganze Filmreihe machen…😉

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  9. Pingback: Media Monday #186 | Tonight is gonna be a large one.

  10. Ein zugegeben interessanter Film, allein durch seine Machart über die vielen Jahre, aber in großen und ganzen fand ich den Film recht langweilig, emotional hat er mich einfach völlig kalt gelassen und oberflächlich werden alle Klischees abgehandelt die es gibt. Scheidungskind, Mutter die immer auf die falschen Männer rein fällt und selbst wenn sie einen vermeintlich „netten“ Mann findet ist er wie erwartet 5 Minuten später wieder im selben Muster und Vater der den genauen Gegenpart zur Mutter spielt. Auch die Entwicklungschritte des Sohnes, der zum Hipster mutiert und über denn Sinn des Lebens sinniert ist für mich zu Hollywood-konstruiert und vorhersehbar. Das Projekt natürlich ein großes Wagnis, besonders bei Jungschauspielerin. Mir persönlich gefällt allerdings der „junge“ Sohn wesentlich besser als der „ältere“. Ich denke die meisten hätten gar nicht bemerkt, wenn man in jungen Jahren und am Ende zwei andere Schauspieler genommen hat, wie es sonst üblich ist. Meiner Meinung lohnt sich der Aufwand im Vergleich zu Mehrwert eigentlich nicht. Bei der Filmbewertung blende ich das eh aus, da das kein Maßstab ist für die Bewertung des Films, ob der Dreh zwölf Jahre oder 12 Monate gedauert hat, sondern das Ergebnis auf der Leinwand. Es gibt da höchstens Sympathiepunkte für dieses Experiment und den Mut. Ich habe das Gefühl bei vielen Kritikern gibt es dafür aber mehr Anerkennung als den Film selbst, aber ist natürlich nur meine Meinung. Ich hätte gerne gewusst wie er als echte Doku funktioniert hätte, nur mit den Jungsschauspielern und mit dem wahren Leben, anstatt dem Skript. Ich würde 7,5 von 10 geben für den Film und einen imaginären Punkt für den Mut.

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    • Als Doku gibt es ja solche Langzeitbeobachtungen öfter. Mir fällt gerade kein Name ein, doch habe ich schon mehrmals über solche Ansätze gelesen bzw. in Podcasts davon gehört. Als inszenierter Film ist mir allerdings kein anderes Beispiel bekannt. Für mich fügt sich neben dem Älterwerden der Schauspieler auch die Inszenierung und die Entwicklung der Geschichte perfekt in dieses Konzept ein. Da gibt es absolut keinen Bruch im Filmmaterial oder anderen technischen Aspekten. Formal also wirklich fantastisch in seiner Unaufgeregtheit.

      Inhaltlich zeigt der Film einfach das Erwachsenwerden und ich war wirklich froh, dass man auf spektakuläre Szenen bzw. Entwicklungen verzichtet hat. Beim nächtlichen Abhängen hatte ich ja schon befürchtet es kommt zu einem tödlichen Unfall o.ä., doch glücklicherweise war das nur meine Fantasie, die zuweit gedacht hat. Gerade die Normalität fand ich faszinierend. Man ist mit Mason noch einmal aufgewachsen und hat alles erlebt, was eben so wichtig ist – nur abseits der Standardszenen. Hätte mich der Film emotional jedoch kalt gelassen, dann wären es bestimmt auch bei mir 2 Punkte weniger geworden. Damit steht und fällt der Film. Eigentlich jeder Film. Insofern wundert mich deine Bewertung überhaupt nicht…🙂

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