Der seltsame Fall des Benjamin Button – OT: The Curious Case of Benjamin Button (2008)

Als ich das erste Mal von David Finchers „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ hörte, war mein Interesse sofort geweckt. Bisher hatte mich noch kein Film des Regisseurs enttäuscht und die Geschichte versprach zudem seine Fähigkeiten in einem ganz neuem Genre zu fordern. Dann kam die Zeit vor den Academy Awards und der Film war plötzlich in aller Munde. Größtenteils war der Tenor eher negativ und mit dem aufkommenden Hype ist mein Interesse beinahe völlig verschwunden.

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Die gestrige Sichtung war auch nur eine Notlösung, da wir ins Kino eingeladen wurden und uns die restlichen Filme noch weniger interessierten. Die Erwartungshaltung hätte folglich geringer nicht ausfallen können. Ich erwartete einen typischen Oscar-Film: Ohne Herz und mit viel Kalkül inszeniert (spontan fällt mir hier z.B. „A Beautiful Mind“ ein). Was ich jedoch zu sehen bekam war Kino in seiner reinsten Form. Bildgewordene Nostalgie, eine epische Liebesgeschichte und technische Perfektion, die in ihrer subtilen Erhabenheit noch unzählige Filme nach „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ prägen wird.

Ich mag Filme, in denen man Charaktere aufwachsen sieht. Ihr Leben verfogt. Eine Beziehung zu ihnen aufbaut. Filme die Nostalgie unvermittelt an ihre Betrachter weitergeben können. Wenn Benjamin seinen Vater zum Sterben an den Lieblingsort seiner Kindheit bringt, dann berührt mich das. Ebenso wie dutzende andere Szenen, die vielleicht nebensächlich erscheinen mögen, für das emotionale Wachstum der Figuren aber unerlässlich sind. Überhaupt handelt der Film weniger davon, dass Benjamin immer jünger wird, sondern wie die Menschen in seiner Umwelt auf ihn reagieren und von ihm beeinflusst werden. Ihr Bewusstsein in Bezug auf das Leben, das Altern und das Sterben wird geweckt. Sehr schön in diesem Zusammenhang fand ich die Episode in der Benjamin auf Elizabeth Abbott (Tilda Swinton) trifft und die unvermittelte spätere Auflösung.

Benjamins Lebensgeschichte wird in die Rahmenhandlung seiner sterbenden großen Liebe eingebettet. Hier sehe ich auch die einzigen Kritikpunkte, da mir die Übergänge teils etwas holprig und zu forciert (z.B. Hurrikan Katrina) erschienen. Ein ähnliches emotionales Gerüst, wie es bereits Tim Burton in „Big Fish“ verwendet hatte. Durch die immer wieder unterbrochene Handlung konnten zumindest Zeitsprünge relativ flüssig eingebaut werden und es war jedes Mal ein Ereignis Benjamin Button (bzw. Brad Pitt) in weiter verjüngter Form zu sehen.

Hier komme ich nun auch auf die Technik zu sprechen, die einen neuen Meilenstein für die Branche darstellt dürfte. Es ist wirklich unglaublich, was die VFX-Magier hier geschaffen haben. Selten habe ich so perfekte und absolut subtile Effektarbeit gesehen. Der Film wirkt in jedem Einzelbild wie aus einem Guss und wüsste man es nicht besser, man würde annehmen Brad Pitt und Cate Blanchett seien während der Dreharbeiten stark gealtert, nur um kurze Zeit später den Jungbrunnen gefunden zu haben. Einfach unglaublich und schon jetzt ein Grund mich auf die hoffentlich erscheindende Special Edition der DVD mit vielen Hintergrundberichten zu den Effekten zu freuen.

Was David Finchers jüngstes Werk abgesehen von seiner technischen Perfektion für mich wirklich zu einem besonderen Film macht, ist seine emotionale Wirkung. Die meiste Zeit war ich tatsächlich mit einem Lächeln auf den Lippen im Kino gesessen. Ich konnte den Film miterleben, was leider viel zu selten vorkommt. Zudem musste ich mehr als nur einmal eine Träne verdrücken und das nicht etwa, weil Fincher inszenatorisch besonders auf die Tränendrüse gedrückt hätte, sondern weil man mit den Charakteren mitgeliebt, mitgelebt und mitgelitten hatte. Es ist eine echte Bindung entstanden und das ist für mich großes Kino.

Für mich ist „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ schon jetzt eine der positivsten Überraschungen des noch jungen Kinojahres. Allen nostalgischen Träumern da draußen kann ich nur empfehlen sich nicht aufgrund der unzähligen schlechten Kritiken von einer Sichtung abhalten zu lassen. Der Film ist großes Kino. Kino fürs Herz: 9/10 Punkte.

27 Gedanken zu “Der seltsame Fall des Benjamin Button – OT: The Curious Case of Benjamin Button (2008)

  1. Und was lernt man jetzt daraus? Genau: Sich einfach nicht von schlechten Kritiken täuschen lassen, und trotzdem in den Film gehen. Wahlweise hätte man natürlich auch auf Flo und mich hören können, aber wir liegen ja auch nicht immer richtig.😉

    Ansonsten: Ja, ja, ja. Schönen letzten Absatz hast du da unter eine schöne Kritik gesetzt. Und es freut mich, dass du schnell Zugang zu dem Film gefunden hast.

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  2. Ehrlich gesagt habe ich noch keine Kritik ausführlicher gelesen, da mich der Negativhype um den Film ziemlich genervt hat und letztendlich auch jegliches Interesse zerstörte. Mir war nur eine generelle Tendenz nach unten im Gedächtnis. Nun werde ich aber bestimmt diverse Kritiken durchforsten und mich natürlich freuen, wenn ich die eine oder andere positive Stimme finde!🙂

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  3. Yep, die Swinton ist klasse. Wie gesagt mögen diese Szenen nicht offenkundig die Handlung vorantreiben, sie sind essentiell für die Entwicklung Benjamins und für das Verständnis, dass es völlig egal ist in welchem (äußerlichen) Alter man sich befindet – man kann immer neu beginnen.

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  4. Findest Du eigentlich auch E.T. gut? Hab gerade so eine Theorie entwickelt. Den fand ich als Kind auch immer so eklig, deswegen fand ich den Film auch großen Mist. Benjamin erinnert mich irgendwie an E.T., deswegen ging mir die Entwicklung so gar nicht ans Herz.

    Hey, ich weine aber jedes Jahr beim kleinen Lord, mir wirft hier keine Herzlosigkeit vor!😉

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  5. Ich liebe „E.T.“ – auch einer meiner ewigen Kindheitsklassiker und das obwohl ich den Film früher eher beängstigend fand (die Schuppenszene war immer besonders gruselig). Ist somit eine interessante Theorie, welche sich wohl auch zu bewahrheiten scheint…😉

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  6. Was mich besonders berührt hat war die positive Stimmung im Film. Obwohl die Geschichte an vielen Punkten eine so todtraurige Wende nahm und ich oft das Gefühl hatte dass sich ein riesiges Drama vor mir ausbreitet, war genau dieses Lächeln, was du beschreibst, auch die ganze Zeit auf meinem Gesicht zu finden.

    Als ich das Kino verließ verspührte ich ein Gefühl von Wärme und, so unpassend es klingt, Schönheit. Ein wunderbarer Film!

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  7. Exakt die selbe Empfindung hatte ich auch. Der Film war stets hoffnungsvoll und erstaunlich leicht für oft doch sehr schwere Themen. Es freut mich auf jeden Fall zu sehen, dass ich nicht der einzige bin, der den Film so wahrgenommen hat.

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  8. Ich gebe zu, es gab einige Szenen, in denen ich feuchte Augen hatte. Eigentlich ist mir ein Film lieber, wenn die Unterhaltung leichter und vor allem freudiger ist…dennoch, gerade zur kalten Winterzeit mag ich Filme mit Tiefgang etwas mehr.🙂

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  9. Bei mir kommt es eher auf die aktuelle Stimmung an. Zu jeder Zeit würde ich mir „Benjamin Button“ wohl auch nicht aussuchen. Dennoch fand ich die Geschichte – trotz der eher düsteren Thematik – insgesamt erfreudig optimistisch. Leben eben.

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  10. Ich will keinen irgendwie verlettzen🙂, aber ich finde den Film viel zu lang und das macht ihn meines Erachtens nach grauenhaft.
    Hätte der Regiesseur einige belanglose Szenen weggelassen ( abendliches Treffen mit der Frau im Hotel) dann wäre der Film eine Std. kürzer.
    Ich finde ihn von der Erzählweise, Szenenbild und Stil her klasse, aber leider zu langatmig.

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  11. So unterschiedlich können Meinungen sein. Ich fand gerade die ruhigen Treffen im Hotel wunderschön und könnte sie mir nicht aus dem Film wegdenken. Auch ist die Geschichte keine Sekunde zu langatmig vorgekommen. Einfach nur schön.

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